Tipps

Welpenphasen

Sozialisierung (8. Bis 12. Woche) Die Welpen sind zwar immer noch verhältnismäßig eng an ihr Heim "erster Ordnung", also das schützende Lager gebunden, sie haben sich aber sozusagen mit einen umfangreicheren Spielplatz vertraut gemacht, ein kleines Gebiet, das ihnen ermöglicht, bei etwaiger Gefahr schnell in den Schutz des Lagers und der Eltern zu flüchten. Heim "zweiter Ordnung" wird mit zunehmender Behändigkeit natürlich immer mehr erweitert, entsprechend der Neugier der Heranwachsenden. Die Eltern bringen weiterhin Nahrung herbei, häufig auch kleinere Beutetiere, die den Welpen lebend vorgesetzt werden. So können sich die Heranwachsenden im Fangen und Töten von Beute üben.

Immer noch dürfen die Welpen zuerst an die Nahrung heran, erst nach ihrer Sättigung gehen auch die Alten an das Futter. Untereinander freilich raufen die Welpen schon sehr nachdrücklich um die besten Stücke, und man kann die nun sehr ausgeprägten Verhaltensweisen der Abwehr mit Fellsträuben, Knurren, Abwehrschnappen und anderes mehr beobachten. Vorhanden waren sie schon in der Prägungsphase, aber ihre volle Entfaltung erreicht das Abwehrverhalten am Futter etwa in der ersten Woche dieses Lebensabschnittes.

Wenn man genügend Futter gibt, kommt keiner zu kurz! Denn derjenige, der genug hat, zieht sich vom Futter zurück, und so kommt jeder an die Reihe. Aber das Streiten um Futter hat eine bedeutsame soziale Funktion, denn man lernt dabei als Welpe, wie man sein Recht behauptet, und reagiert überdies eine ganze Menge Aggression ab. Ich jedenfalls habe die Beobachtung gemacht, daß dieser in dem Alter der Sozialisierungsphase so harmlose Scheinkampf ums Futter - es passiert ja im Grunde gar nichts! - dazu beiträgt, daß man später ganz friedlich Kopf an Kopf an der Beute frißt, weil man inzwischen gelernt hat, daß aller Futterneid sinnlos ist, wenn man ohnehin genügend Beute durch die Zusammenarbeit auf der Jagd macht.

Ziel aller Jugendentwicklung des Hundes ist beste soziale Partnerschaft mit dem Artgenossen. Nun ist es so, daß der Sozialverband eine höhere Evolutionsstufe darstellt als Einzelgängertum. Einzelgänger dürfen keine Nahrungskonkurrenten dulden. Der Zusammenschluß zu Gruppen führte aber zu einer gesicherten Ernährungsgrundlage. Das Leben in Gruppen mit gesicherter Ernährungsgrundlage verbietet jedoch asozialen Futterneid. Ich halte diese in den ersten Lebensmonaten des Hundes so auffallende Aggressionsbereitschaft am Futter für nichts anderes als eine Art von Abreaktion urtümlicher, "vorhundlicher" Verhaltensweisen, also Urerinnerung an einstiges solitäres Leben der Ahnen hundeartiger Raubtiere.

Können die Welpen in ihrer Jugend dieses Verhalten ausreichend abreagieren - also zu einer Zeit, in der dabei kein ernsthafter Schaden entstehen kann, dann werden sie späterhin zu friedlichen Freßkumpanen, die sich bestenfalls zu überlisten suchen, aber des Futters wegen nicht gleich totbeißen. So erlebte ich es wenigstens in Zwingern, in denen mehrere Generationen gemeinschaftlich heranwuchsen und in denen es sogar zu einer Übervölkerung kam. Wenn vierzehn Hunde auf 50 Quadratmeter Zwinger friedlich nebeneinander fressen, dann führe ich das darauf zurück, daß sie ihren archaischen asozialen Futterneid in früher Jugend artgemäß abreagiert hatten. Wie anders wäre es dann aber auch verständlich, daß ein ausgewachsener Rüde - der als Welpe selbst einmal schreckenerregend knurrte, weil ein Bruder oder eine Schwester vom Futterberg auch ein Stückchen haben wollte - peinlichst genau darauf achtet, daß zuerst die säugende Hündin ihr Futter erhält, oder daß später zunächst die kleinen Welpen fressen, und die anderen Rudelmitglieder nicht eher an das Futter dürfen, bis sich die Kleinen den Bauch vollgeschlagen haben. Ein Welpe, der es nicht gelernt hat, in der Gemeinschaft zu fressen, wird zeitlebens futterneidisch bleiben, und er wird als erwachsener Hund seinen eigenen Welpen das Futter skrupellos wegfressen.

Urverhalten, das von der Evolution noch nicht ganz überwunden werden konnte und in der Jugendentwicklung noch auftaucht, muß eben in der gegebenen Zeit abreagiert werden, wenn es später nicht zu einem Störfaktor werden soll. Zunächst können wir jetzt häufiger Kampfspiele beobachten, bei denen nicht nur die einzelnen Formen taktischer Bewegungsweisen geübt, sondern auch verschiedene Elemente des Ausdrucksverhaltens sichtbar werden. Es gibt nun Sieger- und Verliererspiele mit Rollentausch, wobei die sozialen Blockaden aggressiver Verhaltensweisen sowohl instinktmäßig als auch über die Erfahrung ausreifen. Im Eifer des Spieles wird gern einmal zu heftig in empfindlichere Körperteile gebissen. Abwehrreaktion und Schmerzlaut des Betroffenen belehren den rüpelhaften Bruder, daß er zu weit gegangen ist.

Er lernt dabei, seine eigenen Kräfte abzuschätzen und unter geeignete Kontrolle zu bringen. Wenn wir jetzt einen Welpen nachdrücklich darüber belehren, daß unsere Hand nicht aus Hartholz ist, begreift er bald, wie weit er gehen darf und wird auch als ausgewachsener Hund mit uns "auf die sanfte Methode" spielen. Ein Hund, der es gelernt hat, kann so zart in unsere Hände oder Beine "beißen", als wenn wir neugeborene Welpen wären. So werden also in diesen Kampfspielen allmählich jene Regeln entwickelt, die ernsthafte Beschädigungen des Artgenossen und damit Schwächung des Sozialverbandes verhindern. In der anschließenden Rangordnungsphase wird diese soziale Hemmung erstmals eine besondere Bedeutung erhalten.

Eine andere Art von Spielen sind die meist unter Anführung des Vater-Rüden erfolgenden Meutespiele. Sie sind eine Vorübung des Zusammenspieles bei der Jagd auf flüchtiges Wild, das nun der Vater mimt. Er fordert die Jungen zur Verfolgung auf, steigert im Laufe der Zeit durch allerlei Finten die Schwierigkeitsgrade und läßt sich am Ende meist fangen und "überwältigen".

Während bislang die Welpen volle "Narrenfreiheit" genossen hatten und praktisch alles durften, setzt nun eine zunehmend straffere Disziplinierung durch den Vater-Rüden ein. Seine Härte- und Mutproben bekommen einen ordnungsbestimmenden Charakter, er bestimmt auch Anfang und Ende jedes Spieles mit den Welpen und setzt dabei seinen Willen sehr energisch durch. Der Rüde setzt "Tabus", um deren Einhaltung er sich sehr konsequent kümmert. So "erklärt" er z. B. einen alten Knochen zum Tabu. Zunächst versuchen die Welpen sich darüber hinwegzusetzen. Sofort werden sie energisch bestraft, indem der Rüde den Gesetzesübertreter zurecht weist. Natürlich schreit der Betroffene und wirft sich, sobald losgelassen, demütig auf den Rücken.

Kurze Zeit später aber, wenn der Rüde augenscheinlich mit anderem beschäftigt ist, schleicht der Gemaßregelte ganz vorsichtig abermals zu dem tabuisierten Knochen - und erhält neuerdings Prügel. Das kann sich mehrfach wiederholen, und man hat den Eindruck, daß es der Welpe ganz genau wissen will, was er von der Konsequenz des Alten zu halten hat. Wer einen Welpen zu Hause hat, wird dieses Erproben des Erziehers durch den Welpen beobachten können.

Die auf diese Weise herausgeforderte Bestrafung des Welpen wird von ihm aber genau verstanden. Sie ist das Recht des Vaters, und sie wird alsbald durch größte Anhänglichkeitsbezeugung beantwortet. Freundlich geht der Bestrafte zum Rüden und erweist ihm durch Schnauzenstoß, Mundbelecken und Pfötchengeben seine Reverenz. Es ist, als wollte er sagen: "Chef, du weißt, was du willst, zu dir kann man Vertrauen haben." Uneingeschränkte Anerkennung der elterlichen Autorität ist eben die Grundlage für das Überleben der Art - nicht nur beim Hund!

So entwickeln sich also aus dem kindlichen Spiel soziale Verhaltensweisen, insbesondere auch die Partnerschaft mit den Eltern. Das hat natürlich auch für uns eine besondere Bedeutung, denn wir müssen uns gerade in dieser Zeit darum bemühen, die Sozialisierung mit dem Menschen auszubauen. Wird das unterlassen, so wird die soziale Bindung an den Artgenossen stärker als die zum Menschen.

Der Welpe muß also das Zusammenspiel mit dem Menschen als eine für beide Seiten erfreuliche Wechselbeziehung kennen lernen. Freundliche Reaktionen des Menschen, wie Loben oder Streicheln auf erwünschte Verhaltensweisen, prägen sich dem Welpen ebenso ein wie disziplinierende Strafen (etwa Anpacken am Nackenfell und Umwerfen) bei Übertretung von Tabus. In der Regel sind hier einige Wiederholungen notwendig, da der Welpe, wie schon angedeutet, auch die Konsequenz seines menschlichen Erziehers erprobt. Wichtig ist, daß wir so oft als möglich mit dem Welpen spielen. Je lustvoller das Spiel mit dem Menschen ist und je mehr erstes Lernen als Spiel empfunden wird, um so größer wird die künftige Lernfreudigkeit des Hundes. Sie wird in dieser Phase für alle Zeiten festgelegt.

Der Welpe muß dabei auch im Umgang mit Menschen Selbstsicherheit und Selbstvertrauen entwickeln; das notwendige Disziplinieren muß deshalb in einem vom Welpen verkraftbaren Rahmen bleiben. Das ist der Fall, wenn der Welpe auch nach einer unumgänglich notwendigen Strafe unmittelbar danach seine Anhänglichkeitsbezeugung darbringt. So sollten wir es uns auch zum Grundsatz machen: Strafe gibt es nur auf Übertretung von klar festgelegten Verboten. Es ist ganz wichtig, daß diese Strafe auf dem Fuß folgen muß, damit dem Welpen der Zusammenhang von Übertretung und Strafe verständlich ist. Das bedeutet, daß man - genau wie der Hunderüde - den Welpen in dieser Phase stets im Auge behalten muß, und, kann man das nicht, notfalls so unterzubringen hat, daß er keines der im Zusammenleben mit dem Menschen notwendigen Tabus überschreiten kann. Dabei muß man natürlich darauf bedacht sein, daß der Welpe stets nur kurzfristig allein bleibt.

Erst wenn der Welpe etwas älter geworden ist, also nach Ablauf dieser Lebensphase, kann man vorsichtig eine nachträgliche Bestrafung anwenden, nämlich dann, wenn er imstande ist, seine zurückliegende Tat mit unserem Unwillen zu verknüpfen. Das geht dann, wenn man ihm etwa das zerbissene Buch unter die Nase hält und er zu erkennen gibt, daß er sich schuldig fühlt. Wenn wir vom Welpen etwas wollen, wenn er etwas nach unseren Wünschen machen soll, dann erreicht man das nur über Belohnung. Wenn der Hund den Ball nicht apportiert, darf er deswegen nicht bestraft werden. Man kann höchstens das Spiel abbrechen, wird umgekehrt ihn aber überschwenglich loben, wenn er erstmals den Ball bringt.

Für den kleinen Hund ist jedes Spiel mit seinem großen Beschützer ein erfreuliches, lustbetontes Erleben. Er kann kaum genug davon bekommen und möchte so lange mit uns spielen, bis er müde ist. Nun ist es im allgemeinen so, daß wir schneller müde werden als unser Hund. Da aber gerade in diesem Alter der Spielabbruch als disziplinierende Maßnahme vom Welpen durchaus begriffen wird, können wir uns das leicht zunutze machen, indem wir das Spiel dann abbrechen, wenn er dabei etwas tut, was er nicht tun sollte. So eine passende Gelegenheit findet sich meist leicht. Wir können als Spielabbruch auch den Ball weiter wegrollen, dann wird er sich mit ihm beschäftigen und uns in Ruhe lassen. Es könnte aber sein, daß er dabei einmal mehr oder weniger zufällig den Ball zu uns bringt. Das ist der große Augenblick, den wir nicht versäumen sollten. Wenn wir jetzt unsere Freude zeigen und weiterspielen, wird der Welpe den Zusammenhang begreifen.

Alle gemeinsamen Unternehmungen - wie man Ausbildung, Abrichtung oder Dressur auch nennen könnte - können so aus der Beobachtung des vergnügten Welpenspieles heraus entwickelt werden, und damit bleibt für den Junghund alles Lernen lustbetont. Wenn der Wunsch des Menschen nach besonderen Leistungen für den Hund stets mit einem freudigen Erleben verbunden ist, wird für ihn Lernen auch späterhin, wenn er längst erwachsen geworden ist, ein Vergnügen sein. Nur unter diesen Voraussetzungen erfüllt der Mensch seine Rolle als Erzieher, als anführender Sozialpartner, und nur so kann er eine sinnvolle und beständige "Mensch-Hund-Meute" aufbauen.

Die vorgebliche "Wesensschwäche" so vieler Hunde beruht häufig genug auf Erziehungsfehlern in der Sozialisierungsphase, in der zumeist viel zuwenig mit dem Hund gespielt, dafür um so mehr "dressiert" wird. Manche Menschen halten sich für verhinderte Löwenbändiger und den Hund für einen wilden, reißenden Wolf, wobei sie gleich zwei Denkfehler begehen. Erstens ist ein Raubtierdompteur längst kein Tierbändiger mehr, der die "wilde Bestie" unter seinen eisernen Willen zwingt, sondern ein feinfühliger Tierfreund, der weiß, daß er die größten Leistungen nur dann erwarten kann, wenn die großen Katzen mit Freude bei der Arbeit sind. Zweitens gibt es keinen "wilden, reißenden" Wolf, sondern nur freundliche, überaus friedliche Wölfe, die niemandem etwas zuleide tun wollen, sieht man davon ab, daß sie von der Natur dazu geschaffen wurden, die Übervermehrung vieler Tierformen ihres Lebensraumes zu verhindern und dafür deren Bestand durch Beseitigung schwächlicher Individuen gesund zu erhalten. Für diese Lebensaufgabe haben sie ein Sozialleben entwickelt, das selbst uns Menschen beispielhaft sein kann und das sie - zumindest in Form des Hundes - mit uns zu teilen bereit sind. Wer das verkennt, und wer das nicht gerade in jener Zeit, in der der Welpe seine sozialen Antriebe verwirklicht und ausbaut, sehr bedacht fördert, der macht sich dem Hund gegenüber schuldig.

Die in dieser Zeit durch falsche Behandlung erworbenen Unsicherheiten sind kaum mehr rückgängig zu machen, die unverkraftbaren Konfliktstoffe wirken in der Seele des Hundes zeitlebens nach. Das Schicksal eines in seiner Jugend falsch behandelten Hundes liegt auf der Hand. Es kann wohl nicht oft genug betont werden, daß der Hund kein festgelegtes Instinktwesen ist. Es genügt nicht, alle angeborenen Verhaltensweisen zu erlernen, um besser mit dem Hunde auszukommen. Viel wichtiger ist es dagegen, seine altersbedingten angeborenen Lernfähigkeiten genau zu analysieren, sein Verhältnis zum Elternkumpan zu beobachten, und man muß die Interaktionen zwischen Vater-Rüden und Welpen in den einzelnen Lebensphasen studieren, um zu wissen, wie und wodurch sich die jeweilige Hundepersönlichkeit aufbaut. Er ist eben ein Lerntier, und so erfordert die Erforschung seiner Sozialentwicklung und dessen, was dabei gelernt wird, unsere größte Aufmerksamkeit. Weite und Umfang der sozialen Partnerschaft zwischen Mensch und Hund werden eben jetzt in der Sozialisierungsphase unwiderruflich geprägt und wirken für alle weitere Zukunft auf fast alle Eigenschaften des Hundes ein.

Rangordnung (13. bis 16. Woche)

Je älter die jungen Hunde werden, um so schwerer wird es nun auch, genauere Zeitbestimmungen für die einzelnen Lebensabschnitte und der in ihnen auffallenden Verhaltensweisen und Reifungsvorgänge festzulegen. Bei den einzelnen Hunderassen mag es da größere Schwankungen geben, da manche früh andere später reif sind. Auch kann sich jetzt die Erscheinung der Verjugendlichung, wie sie im Haustierstande häufig ist, bereits deutlicher abzeichnen, das heißt, daß manches in körperbaulicher wie seelischer Entwicklung nicht so vollkommen oder verzögert ausreift. Gerade die Rangordnungsphase beleuchtet das deutlich. Sie ist nämlich bei temperamentvollen oder grundsätzlich zur Aggression neigenden Hunden viel schärfer erkennbar als bei Hunden, die jene Eigenschaften nicht so ausgeprägt aufweisen.

Grundsätzlich entwickelt sich die Rangordnung innerhalb der Welpenschar schon in den ersten Lebenswochen; es wäre sogar denkbar, daß die körperliche Entwicklung während der vegetativen Phase in einem ursächlichen Zusammenhang mit der künftigen Rangordnung steht. Der Welpe, der sich am stärksten entwickelt, wird eben der Ranghöchste, und derjenige, der am schwächsten entwickelt ist, wird der Rangniederste. Rangordnung ist nicht nur eine Frage der körperlichen Stärke. Sie ist bei einem Lernwesen wie dem Hund auch eine Frage der Intelligenz, und es mag sein, daß spätere körperliche Unterschiede erst eine Folge davon sind. Wenn ein Welpe mit schneller Auffassungsgabe mehr Futter oder qualitativ besseres Futter ergattert, hat er Aussicht, stärker als seine Geschwister zu werden. Das kann dann vortäuschen, daß seine Rangordnung nur eine Frage körperlicher Kraft ist.

Nun kann man von sechs oder acht Wochen alten Welpen noch nicht erwarten, daß sich ihre seelische Überlegenheit voll entwickelt hat. Es muß zur Festlegung der Rangordnung innerhalb der Welpenschar - die ja einmal ein Rudel werden soll - noch eine Art von Abschlußprüfung vorgesehen sein. Auf freier Wildbahn jagende Wölfe können es sich nämlich nicht leisten, daß die Rangordnung immer wieder in Frage gestellt wird. Das würde die Schlagkraft des Rudels erheblich schwächen.

Solche Dinge kann man nur in Zwingern oder Gehegen sehen, in denen Rudelfremde zusammengesetzt werden, die nicht in Familienverbänden aufgezogen worden sind. Aber selbst dann, wenn man Hunde zusammensetzt, die in verschiedenen Familien aufgewachsen sind, geht es immer noch nicht gut, weil einmal die Individualität der Familien Unterschiede im Aufwachsen der Jungtiere mit sich bringen kann, und außerdem, weil eben diese zusammengewürfelten Tiere ihre Rangordnung nicht eingespielt und gefestigt haben.

Anders ist das, wenn eine Welpengruppe gemeinsam die Rangordnungsphase durchläuft. Nur sie ist von größerer Unruhe erfüllt, und wir können auch viel aggressives Verhalten beobachten. Allerdings sind die Junghunde noch in einem Alter, in dem sie sich nicht - oder in der Regel nicht - ernsthaft verletzen. Doch soll uns hier weniger diese übersteigerte Aggression beschäftigen als vielmehr das Normalverhalten bei gesunden Junghunden. Und da läßt sich in dieser Zeit sehr schön beobachten, wie neben lausbubenhaften Rangeleien - die natürlich mit viel Geschrei verbunden sind - auch sehr überzeugende Mutproben geliefert werden, bei denen es auf "Wesensfestigkeit", auf seelische Widerstandskraft allein ankommt.

Ein Beispiel, da es sehr gut zeigt, worauf es bei diesen jugendlichen Rangordnungs "Kämpfen" in Wahrheit ankommt. Ich sah einmal einen Wurf von fünf Hunden, die als sehr temperamentvolle und stimmfreudige Kerle während dieser Zeit jeder Rockerbande alle Ehre gemacht hätten. Einer hatte sich mit einem Futterbrocken unter die Hütte verzogen. Die anderen vier standen nun um die fast von allen Seiten offene Bodenvertiefung herum und unternahmen abwechselnd Scheinangriffe auf den ersteren. Es sah zunächst so aus, als wollten sie ihn mit aller Gewalt da herausbekommen. Aber bald zeigte es sich, daß sie keine Gewalt anwandten - alles, was sie da mit Geschrei, Gebell und Knurren, mit Drohschnappen und Beißstößen in die Luft aufführten, waren nichts anderes als Einschüchterungsversuche, so, als wollten sie zu viert den fünften seelisch fertigmachen und zur Flucht veranlassen. Aber der ließ sich nicht irremachen, schnappte nach allen Seiten und behauptete seine Position, bis die anderen der Sache müde wurden und einer nach dem anderen abzog. Er hatte die Probe bestanden. Da sich nun solche Szenen wiederholten, und zwar mit vertauschten Rollen, so liegt der Schluß doch wohl nahe, daß in der Rangordnungsphase weit mehr die psychische Widerstandskraft, die psychische Überlegenheit eine Rolle spielt als die körperliche Kraft.

Wir wissen auch aus Beobachtungen an anderen sozial lebenden höheren Tieren, wie etwa Elefanten oder Pavianen, daß dort die Führung der Herde oder des Trupps nicht vom stärksten, sondern vom erfahrensten, meist altem Tier gebildet wird. Das bedeutet, daß die Erziehung der Nachkommen auf Anerkennung dieser Form von Autorität ausgerichtet sein muß. Nicht anders ist das auch bei unseren Hunden, und das äußert sich ebenso bei deren Festlegung der Rangordnung.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, wenn wir in dieser Entwicklungsphase schon sehr schön beobachten können, daß der Vater-Rüde keineswegs wegen seiner körperlichen Überlegenheit respektiert wird. Das taten die Welpen zweifelsohne früher, als ihnen sozusagen die nötige Einsicht fehlte und sie daher auch entsprechend "handgreiflich" diszipliniert werden mußten. Zwar fährt der Vater auch jetzt ein oder das andere Mal ganz energisch dazwischen, wenn die Rangeleien der Junghunde über das Ziel hinausschießen und sie zu aggressiv werden. Sonst aber genügt von seiner Seite ein mahnender Blick, um den Sprößling zur Ordnung zu rufen. Umgekehrt wird aber deutlich, wie sehr die Junghunde an dem Alten hängen. Es ist das keine Unterwürfigkeit, wenn sie immer wieder zu ihm hingehen, um ihm rasch einmal die Schnauze zu lecken. Dies ist "aktive Unterwerfung", eine Anhänglichkeitsbezeugung, ein Ausdruck der "Gefolgschaftstreue", kurz, eine freiwillig zum Ausdruck gebrachte Anerkennung der väterlichen Autorität im Sinne von "Vater ist der Beste! " Das Vorhandensein einer anerkennenswerten Autorität gibt ihm die Sicherheit seiner Existenz und damit die Möglichkeit zur freien Anpassung an die bewährte Sozialordnung.

Man muß dazu aber auch sagen, daß auf diesem Wege die Umweltoffenheit erhalten bleibt, die Fähigkeit, ein Leben lang weiterzulernen, sich veränderten Umweltbedingungen erfahrungsmäßig anzupassen. Das ist der Grund, warum der Vaterrüde als Autorität bestehen kann, und das ist der Grund, warum der Sohn einmal selbst als Vater für seine Kinder Autorität sein wird.

Wollen auch wir uns in dieser Zeit "artgemäß" verhalten, dann brauchen wir nur nachzuahmen, was der Vaterrüde macht. Er baut jetzt alle Spiele mit den Welpen aus, insbesondere die Jagd- und Beutespiele, und er "schult" sie dabei bald soweit ein, daß sie allmählich das Rüstzeug als brauchbare Jagdgehilfen durchgeübt beherrschen. Auch wir können jetzt schon mehr vom Junghund fordern, wenn wir durch vorwiegend stimmliche Belohnung die von uns gewünschten Verhaltensweisen aus dem Spiel herausarbeiten. Wir sollten es uns dabei zur Regel machen, sogleich mit einem anderen Spiel fortzusetzen, wenn der Hund das von uns Gewünschte richtig gemacht hat Würden wir in diesem Fall die Übung wiederholen, dann würden wir den Hund verunsichern, er müßte glauben, daß es noch nicht richtig war.

Das gilt ganz besonders von den Unterordnungs- und Gehorsamsübungen, die wir jetzt täglich ein wenig schulen können, aber möglichst nicht länger als eine Viertelstunde lang. Kommandos wie "Sitz", "Platz", "bei Fuß", das läßt sich jetzt schon ganz gut beibringen, darf aber niemals langweilig für den Junghund werden und schon gar nicht solche Formen annehmen, daß er diese Übungen fürchtet. Man sollte daran denken, daß ein Junghund draußen durch vielerlei abgelenkt werden kann - daher diese Dinge nur an Orten üben, die ihm gut vertraut sind. Später, wenn er es einmal kann und sein Können ihm selbst Freude macht, wenn unsere Partnerschaft so gut gediehen ist, daß es dem Hund auch Freude macht, unseren Wünschen zu folgen, dann ist das was anderes. Was dann kommt, ist Charaktersache; es gibt nämlich Hunde, die gerade dann - nicht folgen.

Jedenfalls erkennt der Welpe in diesem Lebensabschnitt keineswegs mehr allein die rohe Gewalt an, sondern sieht die Überlegenheit desjenigen, dem er sich unterordnen soll, auf weit höherer Ebene. Er will die Autorität anerkennen können, denn sie allein gibt ihm die Gewähr, daß Können und Erfahrung des Rudelführers sein Überleben absichern. Das ist nicht von Beginn dieses Lebensabschnittes da, sondern reift in dieser Zeit allmählich heran und wird gegen Ende des vierten Lebensmonates klar erkenntlich. Dabei wird auch das Spiel nun nicht allein mehr zur selbstbezogenen Übung des Könnens, sondern unabhängig davon auch zu einer gruppenbindenden Verhaltensweise, sowohl unter den Welpen als auch mit den Eltern. Der erwachsene Hund spielt mit uns ja auch nicht, um sein Können auszubauen, sondern als partnerschaftliche Übung. Die Freude liegt dabei nicht, wie im Welpenalter, an dem Entdecken des eigenen Könnens, an der Bewegung an sich, sondern an dem "Miteinander". So wird das Spiel zu einem Teil der Gruppenbindung, die wir im Kapitel "Der Hund als Freund" noch genauer betrachten werden.

Rudelordnung (5. und 6. Monat )

So sind nun alle Voraussetzungen gegeben, um die soziale Partnerschaft mit den Eltern zu einer straffen Rudelorganisation auszubauen, in der die Junghunde bereits vollwertige Jagdpartner werden. Die Vorrangstellung der zu Rudelführern gewordenen Eltern muß eingespielt sein. Und bei den Jungen ist die Rangordnung geklärt, die auch Grundlage für die Arbeitsteilung auf der gemeinsamen Jagd wird. Damit sind alle Voraussetzungen zur Sicherung der Rudelexistenz gegeben.

Die von Konrad Lorenz beobachtete Tatsache, daß stärker wolfsblütige Hunde - die "Einmannhunde" - in diesem Alter sich für immer an einen Herrn binden, ist in diesem Zusammenhang besonders interessant. Es ist nämlich gut vorstellbar, daß eine solche Prägung auf den Leitwolf, die zu einer unverbrüchlichen Gefolgschaftstreue führt, mit zur Sicherung des Daseinskampfes gehört.

In der Rudelordnungsphase wird natürlich auf der gemeinsamen Jagd von jedem der Jungwölfe die Erfahrung gemacht, daß die Zusammenarbeit unter Führung eines erfahrenen Leittieres den jagdlichen Erfolg sichert. Diese Erfahrung ist also ausgesprochen positiv getönt und wird dazu beitragen, daß auch künftig Gruppenbildung angestrebt wird. Hinzu kommt außerdem die Erfahrung, wie der Einsatz jedes Gruppenmitgliedes zum Erfolg beiträgt, und wie sehr es auf die Fähigkeiten jedes einzelnen ankommt. Kurz, es wird auf diesen gemeinsamen Jagden gelernt, wie befriedigend eine solche Zusammenarbeit ist. Und so wäre es nicht von der Hand zu weisen, daß gerade in diesem Alter auch entsprechende Lernbefähigungen vorhanden sind. Im Alter von 5 und 6 Monaten neigen die Junghunde sehr dazu, größere Streifzüge zu unternehmen, und zwar stets gemeinsam. Ist zufällig auch ein älterer Hund zur Hand, so fühlt sich der offensichtlich verpflichtet, mit diesen Junghunden loszuziehen, auch dann, wenn er sonst ein ganz braver Hund ist, der stets dicht beim Hause bleibt.

Hier scheint doch ein angeborener Jagdtrieb zu erwachen, das Bedürfnis, in Gemeinschaft auszuziehen. Solche Streifzüge dauern meist nur wenige Stunden, und häufig genug beschränken sich die Hunde damit, einige hundert Meter entfernt auf einer Wiese nach Mäusen zu graben. Aber man kann da auch beobachten, daß sie zwischendurch einander jagen, also Jagdspiele aufführen, und das gibt zu denken. Jedenfalls dürfen wir annehmen, daß in dieser Zeit abermals wichtige, teils angeborene, teils erlernte Verhaltensmuster ausgeprägt werden, und wir sollten im Umgang mit unserem eigenen Junghund die Zeit nicht ungenutzt lassen. Hierfür müssen wir uns zunächst zwei wichtige Fakten vor Augen halten: Erstens bleiben wir Elternkumpan, denn wir bringen dem Junghund weiterhin das Futter und gehen nicht mit ihm auf die Jagd - Zweitens bleiben wir mit unserem Hund gewissermaßen in der Rudelordnungsphase stecken, denn er bleibt ja zeitlebens mit uns zusammen, sogar dann, wenn er im Freileben, als Wolf, längst ein eigenes Rudel anführen würde. Wir verschieben also ab da die naturgegebenen Verhältnisse recht einschneidend.

Wir müssen daher die Zusammenarbeit, wie sie in der Rudelordnungsphase freilebender Hundeartiger erfahren wird, auf andere Möglichkeiten umleiten. Gemeinsame Jagd erfordert eine gewisse Disziplin. Wir bieten diszipliniertes Spiel - neben dem völlig gelösten, das wir zuvor als gruppenbindend bezeichnet haben - und in ihm erste Vorstufen zu jener Ausbildung, die dem künftigen Verwendungszweck dient. Aber auch dann, wenn wir keinen Diensthund oder Jagdhund ausbilden, ist es sehr anzuraten, dem Hund etwas beizubringen, und wenn es nur kleine, fröhliche Kunststückchen sind. Unser Hund befindet sich entschieden noch in einem ausgeprägten Lernstadium, und wenn wir das nicht nützen, dann wird die psychische Struktur des Hundes verkümmern. Gerade jetzt braucht er uns ja als Rudelführer, von dem er als gut vorbereiteter Schüler die Besonderheiten gemeinsamer Aktionen bis zur Vollkommenheit übt.

Mit solchen kleinen Aufgaben und Übungen, auch jenen, die zur Unterordnung gehören, kann der Mensch seine Stellung als Rudelführer festigen, wobei er mehr durch Selbstsicherheit als durch Gewalt seine Stellung unterstreichen sollte. Der Junghund erwartet ein "Leitbild" des erfahrenen, psychisch überlegenen Anführers und ist keineswegs darauf eingestellt, einem Tyrannen zu Diensten zu sein.

Es ist also eine kritische Phase, die sehr leicht zu künftigen Erziehungsschwierigkeiten führen kann, wenn diese Vorrangstellung als umsichtiger und überlegener Meuteführer vom sehr scharf beobachtenden Hund nicht anerkannt werden kann. Er ist jetzt sehr geneigt, die eigene Ranghöhe zu verbessern, wenn das Leitbild versagt. Das beginnt damit, daß er sich weniger um die Wünsche seines Herrn kümmert, bereits gelernte Kommandos geflissentlich überhört, und so fordert er uns heraus. Wir werden dann gern bös und machen alles noch verkehrter - das steigert sich bis zu dem Tag, an dem uns der inzwischen erwachsene Hund direkt droht, oder uns ganz raffiniert überrundet, indem er sich zu einem Haustyrannen entwickelt. Wenn der Herr als Rudelführer versagt, muß es der Hund werden, denn eine Familie ohne Anführer oder Haushaltungsvorstand darf es - zumindest in den Augen des Hundes - nicht geben!

Pubertät

Der Beginn dieser Phase läßt sich nur schwer bestimmen, da hier sehr unterschiedliche Verhältnisse bei den einzelnen Hunden vorliegen. Ganz allgemein kann man wohl den siebenten Lebensmonat als jenen bezeichnen, der für unsere Haushunde als der früheste Termin in Frage kommt. Jetzt kann bei vielen Hündinnen bereits jetzt die erste Läufigkeit auftreten. Ist sie voll ausgeprägt und zeigt sich die Hündin bereit, einen Rüden anzunehmen, dann endet die Pubertätsphase auch in diesem Monat. Die meisten Haushund-Rüden hingegen zeigen ihr Erwachsensein durch das bekannte Beinheben beim Urinieren erst mit neun Monaten, wenn nicht noch später, an.

Wölfinnen zeigen im zweiten Lebenssommer, also etwa im Alter von 13 oder 14 Monaten, eine Art von Scheinbrunst, die offenbar dazu dient, einen Partner zu finden. Die Wölfin wählt einen Rüden und bindet ihn durch intensives Spielverhalten, wie es ja auch im Vorstadium der eigentlichen Läufigkeit auftritt, fest an sich. Dabei vertreibt sie jede Rivalin, beißt sie unter Umständen sogar tot. Die Unverträglichkeit läufiger Hündinnen ist ja auch eine sehr übliche Erscheinung.

Trotz der gefestigten Partnerbindung - die man als "Verbindung" bezeichnen könnte - dürften Rüde und Wölfin im Herbst wieder zu ihren Stammrudeln zurückkehren und sich erst im Januar wieder, aber nun auf Dauer, zusammentun. Nun ist die Jungwölfin etwa 20 Monate alt und wird erstmals richtig läufig. Februar und März sind die üblichen Deckzeiten, und wenn die Wölfin zwei Jahre alt geworden ist, bringt sie auch erstmals Junge zur Welt. Es wäre also zu empfehlen, spätreife und wolfsstämmige Hündinnen nicht vor dem 20. Monat decken zu lassen. Sonst gilt allgemein die Regel, daß man Hündinnen, bei denen die erste Läufigkeit im siebten oder achten Lebensmonat auftritt, bei der nächsten, also sechs Monate später, erstmals decken lassen kann.

Wölfe pflanzen sich nur einmal im Jahr, nämlich im Frühjahr, fort. Nun haben aber die Beobachtungen des Forscherehepaares Hugo und Jane van Lawick-Goodall erwiesen, daß zumindest die Goldschakale der äquatornahen Gebiete Ostafrikas ein halbes Jahr später abermals Junge bekommen können, auch wenn der erste Wurf erfolgreich aufgezogen wurde. Das heißt, daß die zweite Läufigkeit unserer Hündinnen nicht eine "unbiologische", im Haustierstande erworbene Erscheinung ist, wie schon ernsthafte Kynologen behauptet haben.. Der Rüde deckt seine Hündin ungeniert bei dieser Zweithitze - aber die Hündin bekommt danach keine Welpen. Ich habe mehrfach auch schon beobachtet, daß es sogar zu einer Scheinträchtigkeit kommen kann, die alle üblichen Anzeichen einer echten Trächtigkeit aufweist. Erst an dem Tag, an dem die Geburt erfolgen sollte - in diesem Falle am 6o. Tag -, geht das alles in sehr kurzer Zeit zurück. Ich halte es für möglich, daß eine derartige Scheinträchtigkeit biologisch gesehen werden kann; sie läßt die physiologischen Vorgänge, die durch die möglicherweise sogar mit einer Konzeption verbundene Bedeckung ausgelöst wurden, ablaufen, wobei wahrscheinlich die Keime im Mutterleib wieder aufgelöst werden. Der Geburtsakt scheint dann für diesen Vorgang nicht notwendig zu sein, sein Ausbleiben bringt ebenso wenig eine Störung mit sich wie der Umstand, daß es keine Welpen gibt, die saugen. Die Milchdrüsen bilden sich nämlich sehr schnell wieder zurück.

Es ist also nicht unbedingt verwerflich, wenn eine sonst sehr gesunde und kräftige Hündin zweimal im Jahr Welpen hat, wenn man das auch wohl nur einmal durchgehen lassen kann und nicht Jahr für Jahr praktiziert. Es passiert schon einmal, daß trotz allen Aufpassens die Hündin bei der zweiten Läufigkeit entwischt und sich dem nächstbesten Rüden hingibt. Da dieser natürlich meist nicht dem Geschmack des unfreiwilligen Züchters entspricht, gibt es dann große Aufregung. Hierzu ein ernstes Wort. Aller Erfahrung nach ist es viel besser, die Hündin den vom Züchter ungewollten Wurf austragen als ihr vom Tierarzt eine Spritze geben zu lassen. Die Tragzeit schadet der Hündin mit Sicherheit nicht; für die Spritzen möchte ich nicht meine Hand ins Feuer legen. Den unerwünschten Welpensegen aber nimmt man der Hündin weg, ehe die Kleinen zum Saugen gekommen sind, und überliefert ihn dem Tierarzt. Am nächsten Tag wird die Hündin frisch und munter sein und nichts vermissen. Welpen, die nicht saugen, sind sofort vergessen.

Da wir im einundzwanzigsten Jahrhundert leben und die biologische Forschung schon so weit vorangekommen ist, daß man mit absoluter Sicherheit sagen kann: Eine Rassehündin ist nicht "verdorben" und "zuchtuntauglich", wenn sie einmal von einem rassefremden Rüden Welpen ausgetragen hat.

Damit haben wir die Pubertätsphase ein wenig überschritten, aber es gibt ohnehin nicht viel zu diesem Lebensabschnitt - der oft nur einen Monat währt - zu sagen. Grundsätzlich reift der Hund, bei dem sie länger währt, entsprechend aus, und ganz allgemein kann man sagen, daß der Hund bei Eintritt der Geschlechtsreife erwachsen ist. Aus dem Welpen ist ein Hund geworden. Ergänzend möchte ich noch erwähnen, daß am Ende des zweiten Lebensjahres vor allem der Rüde eine endgültige Ausreifung erfährt, die ihn nun gesetzter, fast würdevoller als bislang macht. Es wäre das ja auch - beim Wolfsahnen - das Alter, in dem er selbst Welpen betreut und zum Rudelführer emporsteigt. Bei Hündinnen bemerkt man dieses Ausreifen vor allem dann, wenn sie ihren ersten Wurf aufgezogen haben. Nach dem zweiten Lebensjahr also ist der Hund endgültig zur voll ausgereiften Persönlichkeit geworden.

Weitere Informationen im PDF-Format

HERDENSCHUTZHUNDE.pdf
LIVESTOCK_Guardian_Dogs.pdf
welt_der_herdenschutzhunde.pdf

2004 © Michael Pommerenke & Pedro S.R. written by: mi fi